Der Aufbau
Ein Mikrofon bleibt dauerhaft am Bienenstand. Eine Kamera lief zur Kontrolle mit, damit man weiß, was zum jeweiligen Geräusch zu sehen war.
Forschung & Technik · Nest-Ortung
Zehn wissenschaftliche Arbeiten, ausgewertet und übersetzt: Was funktioniert nachweislich, was nicht — und welche Zahlen dahinterstehen. Für Imkerinnen und Imker, die wissen wollen, was die Technik heute wirklich kann.
Wie diese Seite zu lesen ist: Jede Zahl stammt aus einer veröffentlichten Arbeit. Die eckigen Klammern hinter einer Aussage führen zur Originalveröffentlichung. Wir geben keine imkerlichen Empfehlungen — wir berichten, was gemessen wurde.
Ein Insekt im Flug erzeugt einen Ton, weil seine Flügel die Luft in Schwingung versetzen. Wie hoch dieser Ton ist, hängt davon ab, wie oft die Flügel pro Sekunde schlagen. Diese Zahl heißt Grundfrequenz und wird in Hertz angegeben: 100 Hertz bedeutet hundert Flügelschläge in der Sekunde.
Die Regel dahinter ist einfach: je größer das Tier, desto langsamer der Flügelschlag [1]. Eine Biene surrt hell, eine Hornisse brummt tief.
| Art | Grundfrequenz | Klangeindruck |
|---|---|---|
| Honigbiene Apis mellifera | 231,5 Hz | hell surrend |
| Erdhummel Bombus terrestris | 170 Hz | voller Ton |
| Deutsche Wespe Vespula germanica | 148 Hz | tiefer |
| Orientalische Hornisse V. orientalis | 125 Hz | brummend |
| Europäische Hornisse V. crabro | 100 Hz | tiefes Brummen |
| Asiatische Hornisse V. velutina | im selben tiefen Bereich | vom Ohr nicht zu trennen |
Die Arbeit von 2022 [1] war die erste überhaupt, die Flügelschlagfrequenzen der Asiatischen Hornisse gemessen hat — 30 Tiere, 117 Flugaufnahmen. Und sie liefert gleich die unbequeme Nachricht mit:
Die Asiatische und die heimische Europäische Hornisse liegen im selben Frequenzbereich. Über den Ton allein sind sie nicht zu unterscheiden.
Die Forschenden haben durchgerechnet, wie gut die Erkennung wird, je nachdem wie viel man vom Klang auswertet. Das Ergebnis ist der wichtigste Befund für jeden, der über ein technisches Erkennungsgerät nachdenkt:
| Was ausgewertet wird | Trefferquote |
|---|---|
| nur die Grundfrequenz („ist da etwas bei 100 Hz?") | 41,7 % |
| nur die Lautstärke des Grundtons | 43,4 % |
| Grundfrequenz und Lautstärke zusammen | 58,4 % |
| Grundfrequenz und mehrere Obertonwerte | 67,5 % |
| das gesamte Klangbild (14 Kennwerte) | 74,5 % |
Übersetzt: Ein Gerät, das nur auf eine Frequenz horcht, liegt in mehr als der Hälfte der Fälle falsch — es ist kaum besser als eine Münze. Erst wenn man den ganzen Klang auswertet, also auch die Obertöne und die leisen Stellen dazwischen, kommt man auf brauchbare Werte. Selbst dann wurde die Asiatische Hornisse am häufigsten mit der Feldwespe und der heimischen Hornisse verwechselt [1].
Eine Arbeitsgruppe hat 2025 einen anderen Weg genommen [2]: Sie hat nicht den normalen Flug aufgenommen, sondern das Rüttelschweben vor dem Flugloch — jenes typische Verhalten, mit dem die Asiatische Hornisse vor dem Bienenstand in der Luft steht und auf heimkehrende Bienen lauert.
Ein Mikrofon bleibt dauerhaft am Bienenstand. Eine Kamera lief zur Kontrolle mit, damit man weiß, was zum jeweiligen Geräusch zu sehen war.
98,7 Prozent Trefferquote beim Unterscheiden von Hornissenschweben, Bienenflug und allgemeinem Umgebungslärm.
Beim Schweben entsteht ein regelmäßig wiederkehrendes Muster im Klang. Dieses Muster erzeugt eine Biene im Vorbeiflug nicht.
Geprüft wurde knapp eine Stunde Aufnahme. Den Dauerbetrieb über Wochen nennen die Autoren selbst als nächsten notwendigen Schritt.
Nicht die Tonhöhe unterscheidet die Arten zuverlässig, sondern das Verhalten: das Rütteln vor dem Flugloch.
Immer wieder wird vorgeschlagen, ein Nest mit einem Richtmikrofon aufzuspüren — man höre einfach, aus welcher Richtung das Brummen kommt. Die Recherche über die Fachdatenbanken ergibt dazu einen klaren Befund:
Es gibt keine wissenschaftliche Arbeit, die ein Velutina-Nest per Richtmikrofon geortet hat. Alle Akustik-Arbeiten beantworten die Frage „ist eine Hornisse hier?" — nicht die Frage „wo ist das Nest?".
Dahinter steckt Physik, kein Forschungsmangel. Ein Fluggeräusch von rund 100 Hertz ist ein tiefer Ton, und tiefe Töne haben lange Wellen: Bei 100 Hertz ist eine Welle etwa 3,4 Meter lang. Um Schall zu bündeln — also überhaupt eine Richtung feststellen zu können — braucht ein Sammler eine Größe in der Größenordnung dieser Welle. Für tiefe Töne wäre das ein Spiegel von Metern, nicht von Zentimetern. Genau deshalb arbeiten alle Verfahren, die tatsächlich Nester gefunden haben, mit Funk oder Radar statt mit Schall.
Kurz gesagt: Zum Erkennen am Bienenstand ist Akustik hervorragend belegt. Zum Aufspüren eines Nestes über Entfernung gibt es keinen einzigen Beleg.
2018 gelang der Durchbruch [3]: Hornissen wurden am Bienenstand gefangen, bekamen einen winzigen Funksender aufgeklebt und wurden wieder freigelassen. Dem Signal folgte das Team dann zu Fuß.
| Gewicht des Senders | 0,28 Gramm |
|---|---|
| Belastungsgrenze | höchstens 80 % des Körpergewichts |
| gefundene Nester | 5 zuvor unbekannte |
| größte Entfernung | 1,33 km |
Die Belastungsgrenze ist die eigentliche technische Leistung: Wiegt der Sender mehr als vier Fünftel dessen, was das Tier selbst wiegt, fliegt es nicht mehr normal — und führt niemanden mehr nach Hause.
Beim harmonischen Radar trägt das Tier keinen aktiven Sender, sondern einen winzigen passiven Reflektor. Trifft das Radarsignal darauf, wirft dieser es in doppelter Frequenz zurück. Dadurch hebt sich das Tier eindeutig von allen anderen Echos ab — von Blättern, Zäunen, Vögeln.
| Erstentwurf 2016 [6] | Weiterentwicklung 2019 [4] | |
|---|---|---|
| Reichweite | 125 m | 500 m |
| Gelände | flach, offen | auch hügelig und bewaldet |
| Sichtfeld nach oben | eingeschränkt | 24° |
| Nester gefunden in neuen Befallsgebieten | 75 % |
|---|---|
| Nester gefunden in dicht besiedelten Gebieten | 60 % |
| mittlere verfolgte Flugstrecke | 96 ± 62 m (max. ~300 m) |
| mittlerer Sammelradius vom Nest | 395 ± 208 m (max. 786 m) |
| Fluggeschwindigkeit beim Suchflug | 6,66 m/s ≈ 24 km/h |
| Fluggeschwindigkeit auf dem Heimflug | 4,06 m/s ≈ 15 km/h |
Beladen fliegen sie messbar langsamer. Wer eine Beutekugel heimträgt, ist mit rund 15 km/h unterwegs statt mit 24. Der Heimflug — und damit die Richtung zum Nest — ist an der Geschwindigkeit erkennbar.
Hornissen heizen ihr Nest. Es ist also wärmer als seine Umgebung und müsste in einer Wärmebildkamera aufleuchten. Eine Arbeit von 2020 hat geprüft, wann das tatsächlich gelingt [7].
Kurz vor Sonnenaufgang. Dann ist der Unterschied zwischen Nest und Umgebung am größten.
Laub. Blätter zwischen Nest und Kamera verdecken die Wärme fast vollständig.
In Einzelfällen bis 30 Meter — je näher, desto sicherer. Warme Umgebungsluft verschlechtert das Ergebnis zusätzlich.
Alle drei Testnester wurden erkannt — unter den passenden Bedingungen.
Praktisch heißt das: Wärmebild ist ein Verfahren für den frühen Morgen im Spätherbst, wenn die Bäume kahl und die Nächte kalt sind. An einem warmen Sommernachmittag im belaubten Wald hilft es kaum.
Drei Arbeiten haben das aus verschiedenen Richtungen gemessen — mit Funkchips am Tier [8], mit Radar [5] und mit Funksendern [3]. Sie ergeben ein stimmiges Bild.
| üblicher Sammelradius um das Nest | rund 1.000 m [8] |
|---|---|
| gemessener mittlerer Sammelradius | 395 ± 208 m [5] |
| größte per Funk verfolgte Nestentfernung | 1,33 km [3] |
| Heimfindefähigkeit nach Aussetzen | bis 5.000 m [8] |
| Hauptflugzeit | 07:00 bis 20:00 Uhr [8] |
| typische Flugdauer | meist unter einer Stunde [8] |
Wer am Bienenstand Asiatische Hornissen sieht, hat das Nest nach diesen Messungen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Umkreis von etwa einem Kilometer. Der 5-Kilometer-Wert beschreibt, wie weit ein künstlich weit weggebrachtes Tier noch heimfindet — nicht den Alltag.
Statt das Nest zu suchen, kann man auch dort messen, wo der Schaden entsteht: am eigenen Stand. Hier sind die Trefferquoten am höchsten.
| Verfahren | Trefferquote | Arbeit |
|---|---|---|
| Kamera mit Bilderkennung (VespAI) | ≥ 99 % | [9] |
| Mikrofon, Erkennung des Schwebens | 98,7 % | [2] |
| Klangvergleich Bienen gegen Hornissen | 85,3 % | [10] |
| optischer Flügelschlagsensor | 74,5 % | [1] |
Die VespAI-Gruppe nennt den Grund für ihre Entwicklung offen: Meldungen aus der Bevölkerung sind zu ungenau, die Verwechslungsquote ist hoch [9]. Eine Kamera, die vor Ort selbst entscheidet und nur bei einem Treffer ein Bild schickt, umgeht dieses Problem.
Alle zehn Arbeiten sind über ihren DOI dauerhaft erreichbar; die meisten sind frei zugänglich. Wir geben die Ergebnisse wieder und verlinken das Original — die Volltexte liegen bei den jeweiligen Verlagen.